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Gesundheit AIDS-HIV Schweiz
Ausbreitung der HIV-Epidemie 2006
"LOVE LIFE - STOP AIDS" Kampagne 2006
Gesellschaft, Gesundheit & Soziales
AIDS- HIV: Schweiz
2006: Erneute Ausbreitung der HIV-Epidemie in der Schweiz unter Homosexuellen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM)"
Die epidemiologische Situation der HIVInfektionen am 30. September 2006 in der Schweiz bestätigt die beunruhigende Entwicklung bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), insbesondere bei den homosexuellen Männern.

Seit 2004 nehmen in dieser Bevölkerungsgruppe die HIV-Infektionen kontinuierlich zu, eine Tendenz, die sich in den meisten anderen westlichen Ländern ebenfalls beobachten lässt.

EINLEITUNG

Der vorliegende Artikel präsentiert die epidemiologischen Fakten und die möglichen Gründe für das nachlassende Präventionsverhalten in der MSM-Bevölkerung in der Schweiz. Das BAG weist auf die erneute Ausbreitung der HIV-Epidemie bei Homosexuellen und anderen MSM in der Schweiz hin mit dem Ziel, seine Partner im Kampf gegen die Aids-Epidemie auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen: die Kantone, die Aids-Hilfen in der Schweiz, Homosexuellen-Vereinigungen, Schwulenetablissements usw.

Es geht nicht darum, den HIV-Präventionsansatz bei MSM zu ändern, sondern die Botschaften und die Präventionsmassnahmen für diese Zielgruppe zu verdeutlichen und zu verstärken.

EPIDEMIOLOGISCHE DATEN 1999-2005

Seit dem Auftreten des HI-Virus in den 1980er-Jahren ist HIV/Aids weltweit eine gravierende Epidemie. In der Schweiz wurde die Strategie zur Bekämpfung der Ausbreitung von HIV in der allgemeinen Bevölkerung basierend auf dem Epidemiengesetz (EpG) im Nationalen HIV/Aids- Programm festgelegt . Heute gibt es in der Schweiz rund drei seropositive Personen pro tausend Einwohnerinnen und Einwohner. Zwar ist die HIV-Prävalenz in der AllgemeinBevölkerung gering. Bei den MSM, IDU und bei Migrantinnen und Migranten ist die Prävalenz jedoch seit einigen Jahren sehr hoch, weshalb sich die Präventionsarbeit insbesondere an diese Zielgruppen richtet. Trotzdem bleiben HIV-Neuinfektionen in diesen Populationen vorhersehbar und ihr Vorkommen ist systematisch.

Die in der Schweiz geleistete Präventionsarbeit hat es immerhin vermocht, die Anzahl der Infektionen bei Migrantinnen und Migranten und IDU zu senken und bei diesen Gruppen eine gewisse Stabilität zu erreichen. Im Jahr 2000 konnte bei den MSM die geringste Neuinfektionsrate seit Auftreten der Epidemie verzeichnet werden. In den Jahren 2001 und 2002 stiegen die HIV-Meldungen für diese Gruppe jedoch wieder stark an. Und seit 2004 ist gar eine ungebrochene Zunahme der Neuinfektionen festzustellen. Damit sind Homosexuelle und andere MSM jene Zielgruppe, bei welcher sich die Epidemie seit ihrem Auftreten in der Schweiz heute erneut ausbreitet.

Laut den neusten vom BAG erhobenen Zahlen gilt die starke Zunahme der Neuinfektionen bei MSM auch für das Jahr 2005. Von der gesamten im Jahr 2005 infizierten männlichen Bevölkerung gehören 49,3% zur Gruppe der MSM (im Vergleich zu 36,5% für das Jahr 2004).

Für das Jahr 2006 wird das gleiche Szenario erwartet: Bis am 30. September 2006 gingen 220 Meldungen ein, was auf das ganze Jahr hochgerechnet rund 300 Neuinfektionen ergibt.

Die epidemiologische Situation der HIV-Infektionen am 30. September 2006 in der Schweiz bestätigt die beunruhigende Entwicklung bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), insbesondere bei den homosexuellen Männern.

Seit 2004 nehmen in dieser Bevölkerungsgruppe die HIV-Infektionen kontinuierlich zu, eine Tendenz, die sich in den meisten anderen westlichen Ländern ebenfalls beobachten lässt.

- In der Kategorie der MSM betrifft die Mehrzahl der Neuinfektionen Schweizer Männer.

- Die Mehrheit der Neuinfektionen lässt sich in städtischen Zentren beobachten: Genf-Lausanne, Zürich, Basel.

- Von der Gesamtheit der Neuinfektionen bei MSM betreffen 41,5% frische Infektionen. Dies bedeutet, dass die Ansteckung weniger als sechs Monate vor der Diagnose erfolgte.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich die Anzahl der Infektionsmeldungen bei MSM innerhalb von drei Jahren nahezu verdoppelt hat.

Abbildung
Positive HIV-Tests in der Schweiz. Schätzung der Anzahl diagnostizierter HIV-Infektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben, und heterosexuell infizierten Personen (Die Schätzungen beruhen auf den Ergänzungsmeldungen der ärzte, auf das entsprechende Labortotal hochgerechnet; 2005: die ersten neun Monate wurden auf ein ganzes Jahr hochgerechnet.)

DIE INTERNATIONALE EPIDEMIOLOGISCHE SITUATION BEI MSM

Mit der stetigen Zunahme der HIVInfektionen unter Homosexuellen und anderen MSM steht die Schweiz nicht alleine da: In den meisten westlichen Ländern lässt sich die gleiche Entwicklung feststellen. So berichtet die Abteilung für Infektionskrankheiten des Institut de Veille Sanitaire in Frankreich in ihrem Jahresbericht für das Jahr 2005 ebenfalls von einer Zunahme der HIV-Infektionen bei MSM. Beinahe 30% der in Frankreich im Jahr 2004 gemeldeten HIV-Infektionen betreffen MSM. Der Anteil frischer Infektionen beträgt dabei 43%, was ebenfalls auf die Tendenz zu einer nachlassenden Sorgfalt beim präventiven Verhalten in dieser Zielgruppe hinweist.

Auch in Grossbritannien wird seit dem Jahr 2000 eine starke Zunahme der HIV-Infektionen innerhalb der MSM-Population beobachtet. 2004 verzeichnete Grossbritannien 2185 positive HIV-Diagnosen, was einer Zunahme um 45% seit der Jahrtausendwende entspricht.

Und auch das deutsche Robert- Koch-Institut spricht in seinem Jahresbericht 2005 von einer starken Zunahme der HIV-Infektionen im Bevölkerungssegment der MSM. Im vergangenen Jahr betrafen rund 70% aller HIV-Neuinfektionen in Deutschland die Gruppe der MSM; im Jahr zuvor lag dieser Anteil noch bei 47,7%.

Italien und Spanien berichten über vergleichbare Tendenzen. Diese Länder führen jedoch keine nationalen Statistiken.

INTERPRETATION

Zur Erklärung der Zunahme der HIVInfektionen bei MSM werden verschiedene Gründe genannt; allerdings scheinen sie laut der verfügbaren Literatur nicht erschöpfend zu sein (vgl. BAG-Bulletin 48/05).

Die Analyse der Daten des Gay- Survey 04 bestätigt die Tendenz zu vermehrtem Risikoverhalten, die sich in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre sowohl in der Schweiz wie auch in unseren Nachbarländern zu verbreiten begann:

In der Zielgruppe lässt sich seither ein Rückgang von Sexualpraktiken feststellen, die bezüglich der HIV-übertragung risikoarm sind. Dies äussert sich vor allem wie folgt:

- Zunahme der Anzahl Sexualpartner;

- häufigerer Analverkehr mit festen Partnern oder mit Gelegenheitspartnern;

- deutliche Abnahme der systematischen Benutzung von Präservativen bei Gelegenheitskontakten.

Nach 20 Jahren des Kampfs gegen Aids scheint sich also ein grosser Teil der Homosexuellen und anderen MSM weniger vorsichtig hinsichtlich einer möglichen HIV-Ansteckung zu verhalten. MSM, und hier vor allem die Homosexuellen, haben die Bedrohung durch das HIVirus integriert und gehen heute offenbar mehr sexuelle Beziehungen mit offenkundigem Infektionsrisiko ein. Ein Teil der Homosexuellen in der Schweiz zeigt laut der Umfrage einen gewissen überdruss gegenüber den Präventionsbotschaften, die ihrer Meinung nach die Party- Ambiance der regelmässig stattfindenden Schwulenveranstaltungen und -abende beeinträchtigen. Als weitere Gründe für das nachlassende Schutzverhalten werden in der Literatur die Verbesserung der antiretroviralen Therapien genannt, dank der seropositive Menschen heute länger leben sowie die leichteren Kontaktmöglichkeiten viaInternet, dank der sich Homosexuelle und MSM ausserhalb der üblichen Szenelokale (Saunen, Sexklubs) treffen, also an Orten, an denen keine Präventionsbotschaften präsent sind.

Ein weiterer Grund könnte auch die Abnahme des Wissensstandes bezüglich HIV/ Aids und die Zunahme von falschen Vorstellungen sein. All diese Gründe vermögen die Zunahme der Risikobereitschaft - und damit die vermehrten Infektionen - in der MSMPopulation teilweise zu erklären.

Das Modell der festen Partnerbeziehung als mögliche Antwort auf die HIV-Problematik hat auch seine Grenzen: Viele Männer leben in einer festen Beziehung ohne den serologischen Status ihres Partners zu kennen, und viele verschweigen ihrem Gegenüber ihre sexuellen Abenteuer.

Daneben können aber auch psychosoziale Faktoren zur Erklärung der Zunahme der HIV-Infektionen herangezogen werden. Die Studie«Santé Gaie» von Dialogai und die Statements aus dem Open Space«Santé gaie» vom April 2006 weisen auf spezifische Probleme bei der psychosozialen Gesundheit von Homosexuellen in der Schweiz hin. Laut dieser Studie haben Homosexuelle häufiger mit ängsten, Drogensucht, Alkohol- und Tabakmissbrauch und mit Depressionen zu kämpfen als die AllgemeinBevölkerung. In einem solchen Kontext kann es beispielsweise vorkommen, dass eine - auch nur vorübergehend - depressive Person bei einem Gelegenheitskontakt trotz ihres Wissens um die Ansteckungsgefahr und trotz ihrer ursprünglichen Absicht, sich zu schützen, sich einem Risiko aussetzt. Diese Gruppe an neu infizierten Personen stellt eine echte Bedrohung dar. Da ihr Viral Load (Viruslast) sehr hoch ist und sie über ihre Infektion nicht Bescheid wissen, übertragen diese Personen das HI-Virus sehr leicht, wenn sie nicht Safer Sex praktizieren. Eine Zunahme dieses Szenarios hätte für Homosexuelle unweigerlich gravierende epidemiologische Folgen, potenziell auch für die anderen MSM. In der Schweiz leben laut der Statistik des jährlichen Bevölkerungsstandes 2005 des Bundesamts für Statistik 3,2 Millionen Männer zwischen 16 und 74 Jahren. Nimmt man an, dass mindestens 2% dieser Männer mehr oder weniger regelmässig homosexuelle Kontakte eingehen, so sind mehr als 64 000 Männer als MSM aktiv. Die jährlich rund 200 HIV-positiven Diagnosen innerhalb dieser Population sind deshalb als sehr hoch zu betrachten. Diese neuerliche Ausbreitung der HIV-Epidemie bei Homosexuellen und anderen MSM erfordert Massnahmen in übereinstimmung mit dem Epidemiengesetz. Dabei müssen alle Organisationen, die sich an der Aids-Bekämpfung innerhalb der MSM-Population beteiligen, am gleichen Strick ziehen.

WIEDERHOLUNG DER HIV-PRäVENTIONSSTRATEGIE BEI MSM IN DER SCHWEIZ

1. Die sexuell aktiven MSM werden zum einen über die Kampagne LOVE LIFE STOP AIDS erreicht, zum andern über die gezielt für die Schwulenszene konzipierte Medienkampagne mit einschlägigen Präventionsbotschaften.

2. Die Prävention ist - in unterschiedlicher Form - an jenen Orten präsent, wo sich heute MSM treffen.

3. Die Mitarbeitenden von Organisationen im Gesundheits- und Sozialbereich sowie von Homosexuellen- Vereinigungen und Schwulenetablissements werden hinsichtlich der Prävention bei MSM geschult.

4. Die Möglichkeit freiwilliger Beratung und Tests (Voluntary Counselling and Testing) stellt ein bekanntes Angebot dar, das von der Zielgruppe genutzt wird (z.B. Checkpoint-Zentren in Genf und Zürich).

5. Der präventive Minimalstandard wird von allen einschlägigen Etablissements (Saunen, Sexclubs usw.), in denen MSM sexuelle Begegnungen haben, eingehalten; dies wird regelmässig überprüft. Diese seit vielen Jahren angewandte Strategie erscheint angemessen, sofern die fünf Ziele durch den gemeinsamen Einsatz aller Partner erreicht werden. Die Rolle unserer Partner gegenüber Homosexuellen und anderen MSM soll neu definiert und verstärkt werden, damit wir die nötigen Synergien für eine verbesserte Prävention bilden können und eine Senkung der HIVNeuinfektionen erreichen. Die Homosexuellen- Vereinigungen müssen die HIV-Prävention wieder ins Zentrum ihrer Bemühungen rücken. Diese Vereinigungen sind wichtige Akteure für die Verbreitung von Präventionsbotschaften; sie sind das Stimmrohr der Homosexuellen und anderen MSM und deshalb äusserst glaubwürdige Vermittler der HIV-Prävention. Eine Senkung der HIV-Neuinfektionen innerhalb der Bevölkerungsgruppe der MSM kann nur durch eine enge Zusammenarbeit und durch eine allgemeine Sensibilisierung aller Beteiligten erreicht werden. Dies ist die unmittelbare Herausforderung, die es zu meistern gilt.

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BEGRIFFE

«Homosexuell» meint Männer, die sich als homosexuell definieren, während«MSM» die Gesamtheit aller Männer umfasst, die mit anderen Männern sexuell aktiv sind, sowohl homo- wie auch heterosexuelle.

MSM: Männer, die Sex mit Männern haben;

IDU: Drogen injizierende Personen (Injecting Drug User).
IDU: Intravenous Drug User/Drogen injizierende Personen

Quelle: Text BUNDESAMT für Gesundheit BAG Oktober 2006, BAG-Bulletin 44/06
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